Emma
1845: Als Emmas Familie die Pacht nicht mehr aufbringen kann, muss sie ihren kleinen Hof in Süd-Limburg (Niederlande) verlassen. Nach einem langen Marsch kommen sie völlig entkräftet in Kerkrade an, wo der Vater hofft, Arbeit in einer der Kohleminen zu bekommen. Er hat Glück: Tatsächlich werden hier Bergleute gesucht. Doch der Lohn ist spärlich und so müssen auch Emma und zwei ihrer Brüder im Bergwerk arbeiten. Die 14-Jährige würde gern die Schule besuchen, aber daran ist nicht zu denken. Sogar ihr erst zehn Jahre alter Bruder Tom schleppt von nun an Kohlewagen durch die Stollen. Tag für Tag klettern Emma, ihr Vater und die Brüder hinab in die Dunkelheit und verrichten fünfzehn Stunden lang Schwerstarbeit.
Als eines Tages die Direktoren zur Inspektion in die Mine kommen, ist auch der 17-jährige Rudolf, Sohn einer reichen Familie, mit unter den Besuchern. Emma fängt ihn ab, um ihm die wirklichen Zustände unter Tage zu zeigen. Gemeinsam dringen sie tief in Bereiche der Mine vor, die nicht für eine Besichtigung vorgesehen sind. Hier sieht Rudolf, unter was für schlechten Bedingungen die Menschen tatsächlich arbeiten. Plötzlich fühlen sie eine Erschütterung; der Stollen bricht ein und Rudolf und Emma werden verschüttet. Sie geben Klopfzeichen und versuchen, sich durch Gespräche wach zu halten. Als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben haben, werden sie gerettet.
Für Emma geht die tägliche Arbeit im Bergwerk weiter. Immer wieder trifft sie zufällig auf Rudolf, der die Familie mit Kohle und Essen versorgt und so ihre Not ein wenig lindert. Emma fühlt sich zu Rudolf hingezogen und auch er erwidert ihre Gefühle. Doch da die anderen Arbeiter die Beziehung mit Neid und Wut verfolgen, bricht Emma den Kontakt ab.
Als es wieder zu einem Unglück im Bergwerk kommt, bei dem ihr Bruder Tom stirbt, erkennt Emma, dass sie diesem Leben entkommen muss. Rudolf besorgt ihr eine Stelle als Dienstmädchen bei einer reichen Familie in Maastricht. Sie geht, obwohl ihr die Eltern bittere Vorwürfe machen, denn ihr Lohn wird nun für den Unterhalt der Familie fehlen.
In Maastricht erzählt Emma heimlich einem interessierten Verleger ihre Geschichte, der diese in seiner Zeitung veröffentlicht. Emmas Herrschaft findet heraus, dass sie die junge Frau ist, über die in der Zeitung berichtet wird, und entlässt sie. Nun bleibt Emma nur die Rückkehr nach Kerkrade, doch dann bietet ihr der Verleger eine Anstellung in seiner Druckerei an. Emma kann ihr Glück kaum fassen: Hier wird sie endlich Lesen lernen.
Rudolf, der inzwischen in Maastricht ein Atelier eröffnet hat, stellt zum ersten Mal seine Fotoarbeiten aus. Emma sieht sich die Ausstellung an und ist überrascht. Statt Fotografien von vornehmen Bürgern vorzufinden, begegnet sie den leeren Blicken von Kindern, die im Bergwerk bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Rudolf hat heimlich in den Minen fotografiert, um die dort herrschenden Zustände an die Öffentlichkeit zu bringen. Emma wird plötzlich klar, wie tief das Verständnis zwischen ihnen ist, und einer gemeinsamen Zukunft steht nun nichts mehr im Wege.
Der Autorin ist es gelungen, einen spannenden Jugendroman zu schreiben, der gleichzeitig Interesse für ein Kapitel Geschichte weckt. Die Protagonistin Emma ist eine starke, junge Frau, die sich nicht unterkriegen lässt und nie die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgibt. Der Roman zeichnet sich durch eine Vielzahl wunderbar ausgeführter Charaktere und ein gut recherchiertes Bild der Lebensumstände in der damaligen Zeit aus. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann!
Mehr Information über “Die Zeit des schwarzen Schnees”
Vor einigen Jahren habe ich eine Steinkohlengrube besucht. Man bekam einen Helm auf, musste in einen rostigen Aufzug steigen und fuhr mit einer Höllengeschwindigkeit nach unten. Tief unter der Erde stiegen alle Besucher aus und konnten mit einem sachverständigen Führer eine Stunde lang die dunklen Stollengänge besichtigen. Diese Exkursion hinterliess bei mir einen nachhaltigen Eindruck. Zweihundert Meter unter der Erde, nichts als Stein, Sand und Erde um dich herum! Ich bekam Gänsehaut und war froh, als ich endlich wieder ans Tageslicht kam. Eigentlich konnte da unten gar nichts Schlimmes passieren: die Stollen waren mit Eisenkonstruktionen gut abgestützt und durch die Ventilationsschächte war die Gefahr von freikommendem Grubengas verwahrlosbar klein. Früher sah das Ganze wohl etwas anders aus.
So wie auf jedem geschichtlich interessanten Fleck, stellte ich mir auch hier Fragen: Wie wird die Situation wohl früher mal gewesen sein? Was hat sich in den Stollen abgespielt? In meinen Gedanken sah ich ausgebeutete Kinder vor mir, die fünfzehn Stunden am Tag viel zu schwere Körbe Steinkohle hinter sich herschleppten. Aufzüge hatte man in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts noch nicht; also musste die Steinkohle über steile Leitern nach oben geschleppt werden.
Ein schweres Unterfangen…
Ich wusste, dass ich ein schwieriges Thema zu einem Buch gefunden hatte, es dauerte aber Jahre, bevor ich wirklich damit anfing. Ein Thema zu haben bedeutet noch lange nicht, dass daraus auch eine wirkliche Geschichte wird. Die entstand erst während eines Urlaubes im Süden von Limburg.
Das Dorf Kerkrade war früher tatsächlich ein Bergarbeiterdorf und im Archiv von ca. 1850 fand ich viel wertvolle Information. Den örtlichen Mittelstand, den ich in dem Buch “Die Zeit des schwarzen Schnees” beschreibe, hat es wirklich gegeben. Nur die Hauptpersonen in der Geschichte sind Fiktion. Allerdings habe ich sie entstehen lassen aus den Menschen, deren Lebensgeschichten ich im Archiv lesen durfte.
Einen großen Teil des Buches habe ich nachts geschrieben, um mir besser vorstellen zu können, wie es ist, in einer dunklen Grube zu sein. Wenn ich tagsüber schrieb, zog ich die Vorhänge zu. Jedes Mal, wenn ich nach getaener Arbeit den Computer ausmachte, fiel mir eine schwere Last von meinen Schultern: Ich konnte wieder nach draußen, dem Licht entgegen gehen.
Die Bergarbeiterfamilien von ca. 1850 hatten weniger Glück. Sie verbrachten den größten Teil ihres Lebens in der Dunkelheit.
Oft werde ich gefragt, warum ich diesem Buch den Orginaltitel (auf deutsch übersetzt) “Schwarzer Schnee” gegeben habe. Schwarz ist nachvollziehbar, aber wieso “Schnee”? Ganz einfach: Gräbt man nach einem Schatz, so entsteht neben einem ein Berg Erde. Gräbt man sehr tief, ist der Berg dementsprechend hoch. Neben den Schächten entstanden riesige Steinkohlenabfallberge (Schlackenberge). Der schwarze Kohlenstaub wurde durch den Wind verweht. Wenn es geschneit hatte, blieb der Schnee so nur kurz wirklich weiß.
Ausserdem gibt es die Redewendung (im Holländischen) “schwarzen Schnee sehen”.
Wenn jemand in seinem Leben viel schwarzen Schnee gesehen hat, dann hat er ein armseliges Leben gehabt. Und das trifft auf viele Personen aus meinem Buch zu.
Leseprobe
Süd-Limburg, 1845
Ein letztes Mal blickte Emma zurück – nicht nur über die Schulter, nein, sie wandte sich ganz um zu dem Gehöft mit den weiß gekalkten Mauern und dem Fachwerk aus geteerten Balken. Es war nur ein bescheidenes Anwesen mit schiefem Dach und einem Stückchen Land, unscheinbar im Vergleich zu den Gütern der reichen Bauern in der Umgebung. Und jetzt war auch noch aller Hausrat daraus verschwunden und die Ställe standen leer. Die wenigen Dinge, die sie hatten behalten dürfen, lagen in der Karre, die Papa vor sich herschob. Alles andere war fort.
Die Missernte hatte ganz Flandern und Süd-Limburg getroffen. Papa und die Jungen hatten den ganzen Kartoffelacker gerodet und nur einen einzigen Korb gerade noch genießbarer Kartoffeln aus dem Boden geholt. Was für den ganzen Winter gedacht gewesen war, hatte kaum einen Monat gereicht. Den Rest der Kartoffelernte hatten sie nur noch verbrennen können. Von diesem Augenblick an schien sich eine schwarze Wolke aus Kummer auf das kleine Anwesen gesenkt zu haben. Mama hatte Kopfweh bekommen von all dem Grübeln, Papa war trübsinnig und reizbar geworden.
Die Pacht hatten sie mit dem Ertrag der Webwaren bezahlt, an denen Emma, ihre Mutter und Sofie viele Stunden gearbeitet hatten, aber letztlich war es doch zu wenig gewesen. Die Fabriken in der Stadt lieferten dieselbe Menge viel schneller und billiger.
An einem sonnigen Herbstmorgen in der Woche zuvor, als Emma gerade auf dem Hof das Butterfass scheuerte, waren sie gekommen – der Grundherr und zwei Gerichtsdiener. Emma hatte gleich gewusst, dass es um die Pacht ging, und auch, dass sie wieder nicht bezahlen konnten. Doch dieses Mal hatte sich der Grundherr nicht mehr mit Versprechungen und flehentlichen Bitten begnügt.
Mama hatte Mayke auf dem Arm gehabt, Sofie mit dem Rücken an Emma gepresst gestanden, und so hatten sie zugesehen, wie alles, was noch Wert hatte, aus dem Haus getragen wurde. Ochse, Kuh und Ziege waren aus dem Stall geholt, Möbel, Melkeimer und Webrahmen herausgeschleppt worden. Ihr ganzer Besitz war auf einen Wagen geladen worden – nichts war ihnen geblieben. Nur gut, dass Papa erst später vom Feld zurückgekommen war, als der Wagen schon in den Hohlweg einbog. Für die Flüche und Drohungen, die er den Gerichtsdienern nachgeschleudert hatte, hätte er eingesperrt werden können.
»Wie soll ich ohne den Ochsen mein Land pflügen? Kann mir das einer sagen?«, hatte er geschrien und mit dem Holzschuh gegen den Türpfosten getreten. Am meisten aber hatte Emma seine tiefe Verzweiflung erschüttert. »Mein Gott, wie sollen wir nur den Winter überstehen? Wir haben nichts mehr, gar nichts!«
Der Pastor von Slenaken schließlich wusste einen Ausweg. »Ich könnte einen Brief an Dekan Quodbach schreiben«, hatte er nachdenklich gesagt. »Ich habe gehört, dass sie in Kerkrade Arbeiter für die Kohlengruben brauchen. Wäre das vielleicht etwas für euch?«
Emma hatte dabeigestanden. Das Gesicht ihres Vaters hatte sie nicht sehen können, denn er wandte ihr den Rücken zu, aber sie hatte bemerkt, wie sich seine Muskeln spannten.
›Sag Nein! Ich will hier nicht fort!‹, hatte sie ihn in Gedanken beschworen, die Augen fest auf seinen Rücken gerichtet, als könnte sie ihn mit ihrer Willenskraft zu einer Ablehnung zwingen.
Erst nach sehr langem Überlegen hatte ihr Vater geantwortet.
»Du hast kaum eine Wahl, Henk Mullenders«, hatte der Pastor gesagt. »Du kannst die Pacht für den nächsten Monat nicht bezahlen, du hast keine Vorräte für den Winter und du hast deinen ganzen Besitz verloren. Wie wollt ihr hier überleben?«
»Ich hatte so viele Pläne, so viele Träume…« Henk hatte den Blick durch die kahlen Räume schweifen lassen.
»Du bist nicht der Einzige. So viele sind von der Missernte betroffen… Und alle wurden sie aus ihren Häusern geworfen, alle suchen sie eine andere Arbeit.«
Emmas Vater hatte genickt.
»Schreiben Sie den Brief bitte, Herr Pastor«, hatte er tonlos gesagt.
»Komm, Em«, hörte Emma ihren Bruder Volkert mahnen.
Widerstrebend riss sie sich von ihrem Elternhaus los und bog in den Hohlweg ein, der beiderseits so hoch bewachsen war, dass sie die welligen Felder und den Hof nicht mehr sehen konnte. Vor ihnen ragte der Kirchturm von Slenaken aus dem herbstlichen Goldgelb der Bäume empor.
Schweigend gingen Bruder und Schwester nebeneinander her. Die anderen waren schon fast am Ende des Weges. Papa schob die Karre mit ihrer letzten kümmerlichen Habe vor sich her, der zehnjährige Tom ging nebenher und achtete darauf, dass die Karre in der schlammigen Wagenspur blieb. Die dreijährige Mayke und die achtjährige Sofie gingen still an der Hand der Mutter, als verstünden sie nicht, was eigentlich geschah.
Emma schluckte ihre Tränen herunter. Sie verstand sehr wohl: Niemals würden sie zurückkehren. Auch wenn sie es schon eine Weile hatte kommen sehen: Es war dennoch schwer, endgültig Abschied von dem Haus zu nehmen, in dem man geboren worden war, und von dem Land, auf dem man gespielt und gearbeitet hatte. Emmas Mutter Annekatrien blieb stehen, um auf ihre beiden Ältesten zu warten. Sie war im siebten Monat schwanger – ein Grund mehr, schnell fortzuziehen und ein neues Unterkommen zu suchen. Bald würde der Winter kommen und mit ihm das Baby und dann würden sie nirgends mehr Zuflucht finden.
»Mama, nimmst du mich auf den Arm?«, quengelte Mayke.
»Aber Mayke! Mama kann dich doch nicht tragen!«, versuchte Volkert ihr gut zuzureden, doch Annekatrien nickte ihrem Ältesten besänftigend zu und hob Mayke hoch.
»Es geht schon.«
Etwas langsamer ging sie mit ihrer schweren Last den Hohlweg hinab.
Volkert schüttelte den Kopf. »Mama, du bist viel zu nachgiebig mit dem kleinen Volk, besonders mit Mayke. Wenn du nicht aufpasst, wird sie eine Heulsuse. Sie fängt ja schon an zu schreien, wenn es mal nicht nach ihrem Kopf geht.«
Der Vater schaute sich um. »Lass das Kind doch selber gehen!«, sagte er zu seiner Frau.
»Sie ist erst drei, Henk.«
»Eben! Das heißt, dass sie schon seit zwei Jahren allein laufen kann!«
Mit wenigen großen Schritten war er bei ihnen und stellte Mayke energisch auf die eigenen Beine.
»Jetzt wird gelaufen und nicht mehr geheult! Vorwärts!«, schimpfte er.
Mayke ging an der Hand ihrer Mutter und weinte so laut, dass Henk sich immer wieder ärgerlich umdrehte.
Der Hohlweg führte geradewegs nach Slenaken, doch vor dem Ort bogen sie links ab. Der Pfad, dem sie nun folgten, lief durch wellige Wiesen und Felder, hier und da stand ein Kruzifix oder eine kleine Kapelle am Wegrand.
Der Weg begann zu steigen und nach einer Weile sagte Sofie: »Ich bin so müde. Nimmst du mich auf den Rücken, Papa?«
Henk gab keine Antwort. Er brauchte seine ganze Aufmerksamkeit, um die Karre zwischen Kuhlen und Steinen hindurchzulenken.
»Papa!«, sagte Sofie mit Nachdruck. »Darf ich auf deinen Rücken?«
Am Zucken seiner Mundwinkel merkte Emma, dass ein Wutausbruch bevorstand. Schnell gab sie Sofie einen Rippenstoß. »Hör auf! Du siehst doch, dass Papa es schon schwer genug hat!«
»Aber ich bin so müde! Ich will nach Hause!« Sofie begann zu weinen.
»Wir gehen weiter! Vorwärts, du bist doch kein kleines Kind mehr!«, wetterte der Vater.
Mayke, die gerade mit Jammern aufgehört hatte, schrak auf und stimmte in Sofies Weinen ein. Als auch noch Toms Augen verdächtig feucht wurden, sagte Annekatrien: »Ich möchte hier beten«, und blieb bei einer kleinen Marienkapelle am Landweg stehen.
Henk betrachtete das müde Gesicht seiner Frau und nickte.
Annekatrien betrat die Kapelle, ging vor dem Marienbild auf die Knie und senkte den Kopf. Draußen ließen sich die Kinder am Feldrand ins Gras fallen, nur Emma ging mit in die Kapelle. Sie kniete in der Bank nieder und betete einige »Gegrüßet seiest du, Maria«. Als sie geendet hatte, schaute sie zu ihrer Mutter hinüber. Annekatrien betete lange und andächtig, mit einer Glaubenskraft, die Emma fremd war. Dennoch sah sie ihre Mutter gern so beten. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit, als könnten die inbrünstigen Gebete und das Gottvertrauen der Mutter sie alle sieben beschützen. Sie selbst verstand nicht viel von Gottes Wegen, die der Pastor immer »unergründlich« nannte. Sie empfand eher Angst vor dieser Unergründlichkeit, als dass sie daraus Trost hätte schöpfen können. Aber ihre Mutter schien anders darüber zu denken, also bestand vielleicht noch Hoffnung.
Annekatrien schlug ein Kreuz und erhob sich. Auch Emma machte schnell ihr Kreuzzeichen und folgte der Mutter ins Freie.
»Wann sind wir in Kerkrade, Mama?«, fragte Sofie, als sie ihre Mutter sah. »Heute Nachmittag?«
»Das glaube ich nicht, Liebes.«
»Heute Abend?«
»Gut zwei Tage sind wir unterwegs, Sofie«, sagte Tom ungeduldig, »das hat Papa doch gesagt, bevor wir losgegangen sind!«
Sofies Miene verdüsterte sich; sie sagte nichts mehr, als sie weitergingen.
Von dem hoch gelegenen Pfad schauten sie in ein Tal hinab, durch das sich ein glitzernder Bach schlängelte. Unten angekommen, überquerten sie das Wasser auf einer baufälligen kleinen Holzbrücke. Hin und wieder kamen sie an einem abgelegenen Bauernhof vorüber, misstrauische Blicke folgten ihnen. Emma sah, dass ihre Mutter rot wurde, und auch sie selbst war empört. Sie waren doch keine Diebe oder Bettler! Heute Morgen, ehe sie losgegangen waren, hatte sie noch den Ertrag ihrer Webarbeiten im Dorfladen von Slenaken abgeholt.
Emma fühlte nach dem Beutelchen unter ihren Röcken. Viel war nicht darin, aber immerhin konnten sie unterwegs ein wenig Essen davon kaufen. Wenn sie nur einmal am Tag etwas aßen, würde es gerade bis Kerkrade reichen. Kurz vor dem Dorf Schweiberg tauchte der Wald auf, dunkel und unheimlich.
»Gibt’s hier Wölfe?«, fragte Sofie mit zitternder Stimme.
»Natürlich nicht«, beruhigte Volkert sie. »Und wenn, dann jag ich sie weg.«
»Was du nicht sagst«, meinte Tom geringschätzig, »das geht doch gar nicht, Wölfe wegjagen, oder, Papa?«
»Über Wölfe mache ich mir keine Sorgen«, sagte Henk.
Emma merkte, dass die Eltern einen Blick tauschten, und wurde unruhig. Der Pfad wurde schmaler und sie spürte, wie Sofie ihre Hand umklammerte. Der Wald war dunkel und feucht, mit verkrüppelten Bäumen und hohen Farnen. Am Wegrand standen vermodernde Pilze und die Laubschicht auf dem Waldboden war schwarz und modrig. So lange wie möglich gingen sie neben dem Pfad, damit ihnen die schlammige Brühe nicht in die Holzschuhe schwappte. Keiner sagte etwas. Eine Krähe flog krächzend auf und irgendwo knackte ein toter Ast.
Sofie umklammerte Emmas Hand noch fester. Eigentlich traute sich Emma selbst nicht so recht weiterzugehen. Dieser Wald schloss einen ein, drohte mit tausend Gefahren.
Sie spähte zwischen den Farnen und den eng stehenden Baumstämmen hindurch. Hatte sich da vorn nicht eben etwas auf dem Pfad bewegt? Sie runzelte die Stirn und schaute noch einmal genau hin. Nichts zu sehen. Und doch war ihr, als sei dort jemand gegangen.
»Papa!«, sagte sie warnend.
Henk schaute sich um.
»Ich glaube, ich hab da jemanden gesehen! Da, auf dem Weg!«
Der Pfad führte unter dichten Bäumen entlang und obwohl sie schon viel Herbstlaub abgeworfen hatten, war es dunkel.
»Ich sehe nichts«, sagte Henk.
»Vielleicht war es ein Hirsch, aber irgendwas hat sich da bewegt.«
»Ein Wegelagerer«, sagte Tom.
Annekatrien schaute beunruhigt zu ihrem Mann hinüber.
»Es wird wohl tatsächlich ein Hirsch gewesen sein«, sagte Henk, aber als sie weitergingen, blickte er wachsam um sich. Volkert bückte sich und hob einen kräftigen Ast auf. Auch Tom suchte sich sofort einen Knüppel.
Sie betraten jetzt den schmalen, dunklen Teil des Pfades. Kein Zweiglein knackte, nichts deutete auf eine nahende Gefahr hin und dennoch fühlte Emma ihr Herz klopfen. Aber nichts geschah. Sie folgten einer Wegbiegung, dann wurde es wieder heller. Emma atmete erleichtert auf. Doch dann, als es keiner von ihnen mehr erwartete, sprang eine Gestalt aus dem Buschwerk. Ein Messer blitzte und ein Mann in abgerissener Kleidung baute sich drohend vor ihnen auf. Sträucher knackten und ein zweiter Mann mit einem Knüppel in der Hand trat hervor.
Henk blieb sofort stehen. Annekatrien zog Sofie schnell hinter sich und Emma machte einen Schritt auf Volkert zu.
»Geld her!«, schnauzte der Mann mit dem Messer. »Aber schnell!«
Dabei fuchtelte er dicht vor Maykes Gesicht mit dem Messer herum. Henk bewegte sich vorsichtig an der Karre entlang.
»Stehen bleiben! Geld her oder der Kleinen fehlt gleich ein Auge!«
Der Mann hielt das Messer auf Maykes Gesicht gerichtet.
»Wir haben kein Geld!« Henks Stimme klang heiser.
»Gebt es auf! Ich warne euch nicht noch mal!«
»Warum sollten wir mit unseren Habseligkeiten durch die Gegend ziehen, wenn wir Geld hätten?«, fragte Henk, den Blick starr auf das Messer gerichtet.
Der Mann nickte seinem Spießgesellen zu, der seine große Hand frech über Annekatriens Körper gleiten ließ. Sie schrie auf. Henks Augen blitzten vor Wut, doch das Messer war noch immer auf Mayke gerichtet.
»Röcke hoch, Frau! Lass sehen, was du darunter versteckst!«, grinste der Mann.
Und als Annekatrien nicht schnell genug war, zerrte er selbst ihren Rock hoch und fasste ihr grob zwischen die Beine. Gelähmt vor Angst stand Emma neben der Mutter. Das Beutelchen mit den Münzen unter ihrem eigenen Rock brannte ihr förmlich auf der Haut. Im gleichen Augenblick stürzte sich Volkert mit einem Schrei auf den Räuber, der seine Mutter bedrängte. Völlig überrascht ging der Mann unter ihm zu Boden. Volkert wand ihm den Knüppel aus der Hand und schwang ihn drohend.
»Volkert! Hör auf!«, schrie Henk.
Blass vor Wut, schaute Volkert auf. Der Mann mit dem Messer hielt Mayke die Klinge an die Kehle.
»Lass sie los! Emma, gib das Geld heraus!« Henks Stimme war kaum wieder zu erkennen.
Emma versteckte sich hinter Volkert, schürzte den Rock ein wenig und nestelte das Geldbeutelchen los. Ihre Hände zitterten und sie hätte heulen mögen, als sie das Geld klingeln hörte. So viele Stunden Arbeit! Der Beutel wurde ihr aus der Hand gerissen und dann waren die Strauchdiebe auch schon im Rostbraun und Goldgelb des Waldes verschwunden.
Weinend warf sich Mayke ihrer Mutter in die Arme.
»Los, Papa! Tom! Wir verfolgen sie! Zu dritt werden wir mit ihnen fertig!«, rief Volkert aufgeregt.
Henk kämpfte mit sich. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er die Stelle, wo die beiden Räuber im Wald verschwunden waren.
»Henk!«, sagte Annekatrien warnend.
Ihr Mann wandte sich zu ihr um. »Das war unser letztes Geld, Annekatrien! Wir brauchen es!«
»Was ich brauche, seid ihr – du und die Jungen! Die beiden haben ein Messer, ihr nicht!«, sagte Annekatrien heftig.
Brüsk drehte Henk sich um, packte die Karre und stapfte mit so großen, zornigen Schritten davon, dass er schon bald einen Vorsprung hatte. Nach einer Weile blieb er stehen und wartete mit einer wahren Gewittermiene, bis seine Familie ihn eingeholt hatte.
»Ich könnte ihnen den Hals umdrehen!«, schrie er in ohnmächtiger Wut.
»Du hast das einzig Richtige getan«, sagte seine Frau leise. »Du konntest doch nicht die Kinder in Gefahr bringen!«
»Was soll ich bloß machen? Wie soll ich für sie sorgen?«, brach es aus Henk heraus. »Ich hatte so viele Pläne! Ich wollte alles ganz anders machen als mein Vater! Stattdessen mussten wir unseren Hof verlassen und jetzt ziehen wir wie Bettler durchs Land!«
»Gott wird uns helfen«, meinte Annekatrien.
»Darauf würde ich mich nicht unbedingt verlassen!«, sagte Henk.
Noch niedergeschlagener als zuvor gingen sie weiter. Emma musste gegen ihre Verzweiflung ankämpfen. Ihr letztes Geld! Ihr allerletztes Geld! Wovon sollten sie jetzt leben? Wovon Essen kaufen? Und was sollten sie ohne einen Cent in Kerkrade anfangen? Ihr Hals schmerzte von zurückgedrängten Tränen und als sie zu ihrer Mutter hinüberschaute, sah sie, dass es ihr auch nicht besser ging.
Der Pfad wand sich durch den Wald aufwärts, aber nach einer Weile lichteten sich die Bäume und sie sahen das Geultal vor sich. Die Sonne brach durch und ließ den Bach im Tal glitzern.
»Guckt mal!« Sofie streckte die Hand aus, als sie den Hang hinabstiegen. »Da ist genauso ein Bauernhaus wie unseres.«
Überall waren Gehöfte wie das ihre. Die ganze Strecke nach Mechelen lagen sie wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht: weiße Fachwerkhöfe, die einen größer, die anderen kleiner. Ein Mädchen in Emmas Alter betrat mit einem Melkeimer den Hof und blickte zu ihnen herüber.
Erhobenen Hauptes ging Emma vorbei. Verstohlen schaute sie zu ihrer Mutter hin, die in steifer Haltung weiterging und die Höfe keines Blickes würdigte. Aus den Backhäusern kamen köstliche Düfte.
»Ich hab Hunger«, seufzte Tom.
Sie hatten alle Hunger. So schnell wie möglich ließen sie Mechelen hinter sich.

