Nina
Auf der Flucht vor den Hexenjägern.
Die 13-jährige Nina lebt bei Onkel und Tante in Würzburg. Von ihrer Mutter ist ihr nur ein altes Amulett als Erinnerung geblieben, nachdem diese als Hexe angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Es ist eine bedrückende Zeit, denn jede Frau, die auch nur ein bisschen merkwürdig erscheint oder sich nicht vollkommen angepasst verhält, gilt sofort als Hexe und findet sich schon am nächsten Tag im Gefängnis wieder. Als auch Nina eines Tages unter Verdacht gerät, wollen ihre Verwandten sie Hals über Kopf an einen verwitweten Bauern verheiraten. Nina macht sich auf die Reise, doch sie kommt nie bei ihm an. Zu eng erscheint ihr das Leben, das ihr bevorsteht. Verkleidet als Junge, schlägt sie sich allein durch. So lernt sie eines Tages einen alten Mann kennen. Es dauert ein wenig, bis sie miteinander vertraut werden, doch dann weist er sie ein in die Kunst des Lebens unter freiem Himmel. Es bleibt nicht die letzte Begegnung für Nina mit ungewöhnlichen Menschen, von denen sie lernen kann, denn sie schließt sich einer Gruppe von Zigeunern an. Nach einem heimlichen Besuch bei ihren Verwandten in Würzburg und der erneuten Begegnung mit deren engem Leben weiß sie genau, dass sie nur noch ein Leben führen kann: in Freiheit und Selbstverantwortung.
Originaltitel: De Amulet
Originalverlag: Lemniscaat
Übersetzt von Jeanne Oidtmann-van Beek, Peter Oidtmann
Ab 12 Jahren
ISBN: 3-570-21041-3
Leseprobe
Dicht zusammengedrängt wartete die Menschenmenge unter dem grauen Winterhimmel auf das, was kommen würde. Nachdem an einer Ecke des Domplatzes der Richter und die Schöffen auf ihren Holzbänken Platz genommen hatten, fingen die Glocken der Domkirche an zu läuten. Die Bewohner der Stadt Würzburg stießen sich gegenseitig an und reckten neugierig die Hälse: Alle warteten auf die Hinrichtung der Hexe.
Kleine Kinder hatte sie gefressen und ihr Blut getrunken. Wo sie auftauchte, wurde die Milch sauer, die Ernte misslang, Menschen und Tiere erkrankten. Die Beweise gegen sie waren erdrückend, ihr Schicksal war unabwendbar. An diesem Novembermorgen im Jahre 1630 war es so weit: Die Stadt Würzburg entledigte sich einer teuflischen Frau durch den Scheiterhaufen. Es war die einzige Möglichkeit, das Böse mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Barrieren unterteilten den Platz, auf dem die Wachmannschaft wie eine Mauer zwischen dem Gericht und dem drängenden Volk stand. Um sich die Füße zu wärmen, stampften die Wächter mit den Stiefeln auf die Pflastersteine.
Das Rumpeln eines Karrens auf dem holprigen Pflaster ließ ein Murmeln durch die Menge gehen. Aufgeregt schaute jeder in die Richtung, aus der der Lärm kam. In einem knarrenden Karren wurde eine Frau mittleren Alters auf den Platz gefahren. Sie saß vornübergebeugt und zuckte bei jeder Unebenheit vor Schmerz zusammen. Die Menschen verstummten. Regungslos schauten sie zu, als der Richter aufstand, um das Urteil zu verlesen und den Gerichtsstab vor den Augen der zum Tode Verurteilten entzweizubrechen.
Die Zuschauer gafften die Frau mit unverhohlener Neugier an. Ihr blasses, leidgeprüftes Gesicht wurde teilweise verdeckt von einem verfilzten Haarschopf, an dem geronnenes Blut klebte. Am Hals hatte sie Brandwunden, der linke Arm baumelte schlaff an ihrem Körper. Ausdruckslos stierte die Frau vor sich hin, als ginge das alles sie nichts an.
Während die Henkersknechte sie roh vom Karren zerrten und über das Kopfsteinpflaster schleiften, stimmte der Chor fromme Psalmen an.
An eine Leiter gefesselt, schob man sie schließlich zum Brandpfahl in dem aus Reisigbündeln geschichteten Scheiterhaufen. Kraftlos hing sie in den Stricken und starrte auf ihre Füße, als an mehreren Stellen gleichzeitig Feuer gelegt wurde. Die Flammen fraßen sich züngelnd einen Weg durch den trockenen Holzstoß. Als die erste Flamme die Frau erreichte, fing ihr gelbes, schwefelgetränktes Hemd an zu lodern. Im Nu hatte ihr Unterleib Feuer gefangen, schnell griff es um sich, bis schließlich ihr ganzer Körper wie eine Fackel brannte.
In dem vergeblichen Versuch, die Schmerzensschreie der Frau zu übertönen, sang der Chor immer lauter. Einige Zuschauer schlugen die Augen nieder und murmelten Gebete. Sie harrten so lange aus, bis nur noch verkohlte Reste übrig waren.
Langsam lichtete sich der Platz. Soldaten bauten die Holzbänke ab und entfernten die Absperrungen. Nur ein trostloser Haufen Asche blieb zurück, mit dem der Wind ein leichtes Spiel hatte. Die Hexe war tot.
Leise fing es an zu schneien. Nina Bauer hob ihren Korb vom Boden und bemühte sich, nicht auf die Asche zu schauen. Sie fragte sich, was sie bewogen hatte, bei der Hexenverbrennung dabei zu sein. Obwohl sie so etwas Grausames kaum ertragen konnte, hatte es sie dorthin gezogen. Die Rituale, das Feuer, der Chorgesang…
Sie unterdrückte ein Schaudern. Jedes Mal, wenn sie Augenzeugin einer Hexenverbrennung war, schien es, als müsste sie sich an etwas erinnern, an etwas, was tief in ihr verborgen lag und vergeblich versuchte, in ihr Bewusstsein vorzudringen. Danach litt sie oft unter quälenden Träumen.
Nina schüttelte sich und ging durch die Domstraße zur Bäckerei ihres Onkels und ihrer Tante. Wie immer betrat sie das Haus durch die Hintertür. Sie traf nur Tante Hanna an, Onkel Thomas war in der Backstube beschäftigt.
Nachdem sie so lange draußen in der Kälte gewesen war, tat ihr die Wärme in der Herdstube wohl. Das Feuer brannte kräftig, die Katze lag schnurrend auf einem Schemel. Aus dem Kessel über dem Kaminfeuer stieg der Duft von Kräutern, Zwiebeln und Möhren. Tante Hanna ging geschäftig hin und her.
Nina stellte den Korb mit Einkäufen auf den Boden und biss in einen Apfel. »Auf dem Domplatz haben sie gerade eine Hexe verbrannt«, sagte sie.
Tante Hanna schüttete schweigend etwas Milch in eine Schüssel. »Hast du Eier mitgebracht?«, fragte sie nur.
Nina nickte und holte die Eier aus dem Korb.
»Warum werden Hexen eigentlich immer verbrannt?«, fragte sie.
»Warum? Na ja«, sagte Tante Hanna gereizt, »weil es wohl die beste Art ist, den Teufel zu vertreiben.«
»Aber man könnte sie doch auch erhängen oder ertränken.«
»Nein, dann könnte der Satan ja durch den Mund entweichen, wenn die Hexe ihren letzten Atemzug auspustet. Feuer ist das einzige Mittel, das zu verhindern. Zumindest sagt der Pfarrer das und er muss es ja wissen.«
Mit zitternden Händen schlug Tante Hanna ein Ei nach dem anderen auf.
»Geh jetzt in die Backstube und hilf deinem Onkel.« Sie schob ihre Nichte vor sich her zum Vorderhaus, wo sich der Laden und die Backstube befanden. »Geh jetzt, dir fällt wohl nichts Besseres ein, als vom Teufel und von Feuer zu reden.«
Gehorsam ging Nina in die Backstube. Onkel Thomas holte gerade einige frische Brote aus dem Ofen. Fasziniert schaute sie in das Feuer und beugte den Kopf so weit vor, bis sie vor der Hitze zurückweichen musste.
Onkel Thomas hatte gerade nicht besonders viel zu tun. Er wischte sich die Hände an der Schürze und nahm seine Bäckermütze ab.
»Und, Nina, hast du eine witzige Geschichte auf Lager?«, fragte er fröhlich.
»Ja, doch, ich habe vorhin etwas ganz Verrücktes über Herrn Aschen gehört«, antwortete sie.
»Meinst du etwa Bertold Aschen, den Schulmeister?«
»Ja, Herr Aschen hat sich bis über beide Ohren in Hilda, die Tochter des Notars, verliebt. Und die ist zufällig die älteste Schwester von einem seiner Schüler. Herr Aschen hat den Jungen gebeten, seiner Schwester eine Haarsträhne abzuschneiden. Er hat nämlich gelesen, wie man einen Liebestrunk brauen kann; dazu braucht er aber eine Haarsträhne seiner Geliebten. Hilda hat sich geweigert, und ihr Bruder hat es nicht geschafft, ihr heimlich einige Haare abzuschneiden. Also hat er Hundehaare genommen, damit Herr Aschen trotzdem seinen Liebestrunk zubereiten konnte. Am nächsten Tag ist dann nicht Hilda Herrn Aschen nachgelaufen, sondern sämtliche Hunde der Stadt.«
»Woher hast du diesen Unsinn?«, fragte Onkel Thomas lachend.
»Ich hab zugehört, als die Fischhändlerin es einer Kundin erzählt hat. Und sie hat gesagt, dass es wirklich passiert ist.«
»Ich glaube dir kein Wort.« Onkel Thomas grinste. »So ein Unsinn! Ein Liebestrunk! Dann hätte Bärbel Schaffner auch schon längst einen Mann, obwohl sie so hässlich ist, dass jeder Kerl schreiend die Flucht ergreift, wenn sie nur ihre Nase zeigt.«
»Bärbel tut mir Leid«, sagte Nina. »Es geht ihr ziemlich schlecht.«
»Wirklich? Was fehlt ihr denn?«
»Das weiß ich nicht genau. Aber sie weint dauernd.«
Onkel Thomas schaute seine Nichte prüfend an. Manchmal sagte Nina merkwürdige Dinge.
»Hast du Lust auf eine Zuckerbrezel?«, fragte er.
Nina nickte. Sie biss ein Stück von der süßen Brezel ab, band sich die Schürze um und ging in den Laden. Dort klappte sie die Holzläden hoch und legte die Brote in die Auslage.
Onkel Thomas trat vor die Tür und blies in sein Horn, wie immer, wenn es frisches Brot gab.
An diesem Abend saß Nina im Lichtschein des Herdfeuers und malte auf ihrer Schiefertafel. Sie schrak auf, als sie den Türklopfer hörte.
»Wer kann das sein?« Tante Hanna legte ihre Näharbeit zur Seite und stand auf.
»Das ist Katrin, die Nachbarin«, sagte Nina, ohne von der Tafel aufzuschauen. Sie hörte, wie ihre Tante die Tür öffnete und jemanden begrüßte.
Kurz darauf stand Katrin in der Stube.
»Ich habe doch immer schon gesagt, dass diese Frau nichts taugt«, zeterte sie aufgebracht. »Von Anfang an habe ich gespürt, dass mit der was nicht stimmt.«
»Einen schönen Abend, Katrin«, sagte Onkel Thomas.
Aber die Nachbarin überging ihn und redete weiter auf Tante Hanna ein.
»Ich hab dir doch von der schwarzen Katze erzählt, die es auf meinen Jochen abgesehen hatte? Der arme Junge hatte eine Todesangst vor dem Tier. Ich konnte gar nicht verstehen, warum, bis ich es eines Tages selbst gesehen habe: Aus den Augen der Katze kam plötzlich Feuer! Da hatte ich auch Angst und hab mit dem Besen auf das Tier eingeschlagen, bis es sich aus dem Staub gemacht hat. Am nächsten Tag habe ich Bärbel Schaffner aus ihrem Haus kommen sehen: Sie hatte überall blaue Flecken.«
Katrin nickte selbstzufrieden. »Ein paar Leute haben sie sogar nachts fliegen sehen. Und wenn ich es mir recht überlege, habe ich es auch einmal gesehen. Ich ging an Bärbels Haus vorbei und hörte seltsame Geräusche. Da flog etwas ganz dicht über meinen Kopf und schwupp, schon war es wieder verschwunden.«
»Eine Fledermaus«, sagte Onkel Thomas.
»Nein, Thomas, eine Fledermaus hätte ich wohl erkannt. Das war bestimmt keine Fledermaus. Es war Bärbel Schaffner auf dem Weg zum Hexensabbat, so wahr ich hier stehe«, sagte Katrin im Brustton der Überzeugung.
»Bist du dir da wirklich sicher?«, fragte Tante Hanna zögernd.
»Ganz sicher sogar. Wenn es sein muss, mache ich eine Zeugenaussage. Ich werde den Herren Schöffen ganz genau erzählen, was ich gesehen habe«, sagte Katrin fest entschlossen.
»Eigentlich hast du doch überhaupt nichts gesehen. Du hast nur etwas gehört«, wandte Onkel Thomas ein.
Wie eine Furie baute sich Katrin vor ihm auf. »Sag mal, Thomas Bauer, zweifelst du etwa an meinen Worten? Denkst du vielleicht, ich würde eine solche Geschichte erfinden? Ich bin eine ehrliche, fromme Frau und kenne meine Pflichten. Sollen wir denn einfach zusehen, wie unsere Stadt in die Hände dieser Teufelsbrut gerät?« Streitlustig schaute Katrin Onkel Thomas an, die Hände in die Seiten gestemmt.
»Nein, nein, natürlich nicht«, sagte Tante Hanna beschwichtigend und warf ihrem Ehemann einen warnenden Blick zu. »Jeder weiß deine Worte zu schätzen, Katrin.«
Onkel Thomas zog viel sagend die Augenbrauen hoch, aber Katrin bemerkte es zum Glück nicht.
»Richtig, Hanna! Und weil ihr auch in Bärbels direkter Nachbarschaft wohnt, habe ich gedacht, ich muss mal fragen, ob ihr…«
»Wir haben nichts Verdächtiges gesehen oder gehört«, fiel Onkel Thomas ihr ins Wort. »Keine Geräusche, keine Verwünschungen und kein hohles Gelächter. Ganz und gar nichts.«
Nina kicherte und handelte sich einen zornigen Blick der Nachbarin ein.
»Das glaube ich dir gern«, fuhr Katrin Onkel Thomas bissig an. »Wer vor den listigen Tücken des Teufels blind sein will, wird nie etwas sehen. Hanna, dich werde ich auf dem Laufenden halten. Du weißt ja, dass mein Bruder Wächter im Feichelturm ist. Er unterrichtet mich über alles, was dort vor sich geht.«
»Ja gern, Katrin. Vielen Dank«, sagte Tante Hanna und begleitete die Nachbarin zur Haustür.
Als sie zurückkam, herrschte angespanntes Schweigen.
»So ein dummes Getratsche«, schnaubte Onkel Thomas dann. »Geräusche über ihrem Kopf, das ist doch lächerlich.«
»Sag so etwas nicht!« Tante Hanna war ganz blass um die Nase und ihre Stimme zitterte. »Man könnte meinen, du wolltest dich auf Bärbels Seite schlagen.«
»Das tue ich auch«, antwortete Onkel Thomas. »Ein Gerücht soll schon als Beweis gelten. Wenn du aussagst, Katrin hätte dich mit dem bösen Blick angeschaut, sitzt sie noch heute im Feichelturm.«
Seufzend nahm Tante Hanna ihre Näharbeit wieder auf. Ihre Hände zitterten immer noch, zweimal stach sie sich in den Finger.
»Du hast Recht, Thomas«, flüsterte sie. »Was ist bloß mit den Menschen los?« Plötzlich fiel ihr Blick auf Nina. »Und das Kind bekommt alles mit! Nina, es ist Schlafenszeit«, rief sie erschrocken.
Nina rührte sich nicht. Mit ernsten Augen sah sie den Onkel und die Tante an. »Warum hat die Nachbarin Angst vor mir?«, fragte sie.
»Aber Katrin hat doch keine Angst vor dir. Wie kommst du bloß darauf?«, fragte Tante Hanna.
»Ich weiß es genau«, beharrte Nina. »Als ich sie neulich gefragt habe, ob sie immer noch Magenschmerzen hätte, hat sie mich ganz merkwürdig angesehen.«
»Woher wusstest du denn, dass Katrin Magenschmerzen hatte?«, fragte Onkel Thomas. »Hat sie es dir gesagt?«
»Nein, ich habe es gesehen.«
Nina beugte sich über ihre Schiefertafel und malte weiter. Über ihren Kopf hinweg tauschten Onkel und Tante fragende Blicke aus. Lange Zeit herrschte Schweigen.
Nina war sich darüber im Klaren, dass sie über das, was sie manchmal sah oder wusste, besser schweigen sollte, aber hin und wieder verplapperte sie sich.
Sie gähnte und schlug sich schnell die Hand vor den Mund, damit der Teufel nicht hereinschlüpfen konnte. »Ich gehe ins Bett«, sagte sie.
Sie gab ihrem Onkel und ihrer Tante einen Gutenachtkuss und zog sich in ihrer Schlafnische in einer Ecke der Stube aus. Nachdem sie die Fensterläden geschlossen hatte, war es stockdunkel, aber so gab es wenigstens keinen Durchzug.
Nina lehnte sich in ihr Kissen zurück. In der Nische konnte sie sich nicht ausstrecken. Das sollte auch so sein, denn wenn man lag, floss das Blut in den Kopf und man konnte sterben.
Sie zog die Decke bis zum Kinn hoch. Als sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, drückte sie leise die Türen einen Spalt auf, denn im Dunkeln fand sie es jetzt doch etwas beängstigend.
Ob die Nachbarin wirklich eine Hexe hatte fliegen sehen? Das musste ja unheimlich sein.
Nina schlug ein Kreuz und versuchte an etwas anderes zu denken.
In dieser Nacht träumte sie, sie flöge zum Hexensabbat. Sie rieb sich Arme und Beine mit Hexensalbe ein und sauste mit flatternden Haaren über Hügel und Wälder. In der Ferne sah sie auf einem Berggipfel ein hoch loderndes Feuer, das den Himmel erleuchtete. Männer, Frauen und Kinder tanzten unter lautem Geschrei um die Flammen herum. Etwas außerhalb des Kreises stand der Teufel in Gestalt eines jungen Mannes mit einem Bockskopf. Als er Nina sah, winkte er sie mit seinen langen Krallen zu sich. Nina wollte fliehen, doch sie konnte sich nicht vom Fleck rühren. Die lange schwarze Gestalt des Teufels kam immer näher. Mit seiner grinsenden Fratze beugte er sich über sie, um sie zu küssen. Entsetzt wollte Nina zurückweichen, aber sie wurde von kreischenden Hexen festgehalten.
Mit einem heiseren Schrei fuhr Nina aus dem Schlaf hoch, ihr Nachthemd war völlig durchgeschwitzt. Sie warf die Decke von sich und schwang die Beine über die Bettkante. Die Kälte kroch an ihr hoch, sodass sie richtig wach wurde. Sie hätte gern eine Kerze angezündet, aber Kerzen kosteten Geld, wie Tante Hanna ihr ständig vorhielt. Also blieb sie eine Weile auf der Bettkante sitzen, bis das Herzklopfen nachließ.
Ich bin eine Hexe, durchzuckte es sie glühend heiß. Kein normaler Mensch träumt so oft den gleichen Traum wie ich. Habe ich überhaupt geträumt oder war ich vielleicht wirklich auf dem Hexensabbat?
Sie fuhr über ihre Arme und Beine, aber sie fühlte keine Spuren der Salbe, nur Gänsehaut von der Kälte. Mit einem Fuß tastete sie nach der Trittbank vor der Bettnische und trat dann auf die kalten Fliesen. Die Türen vor dem Alkoven ihres Onkels und ihrer Tante waren leicht geöffnet, damit sie das schwelende Feuer im Auge behalten konnten. Nina fühlte an der Wärmflasche, aber die war bereits eiskalt. Seufzend schlüpfte sie wieder in ihre Nische und zog sich rasch die Decke über. Sie machte die Augen fest zu, aber der Schlaf ließ lange auf sich warten.
Als Nina aufwachte, öffnete sie die Fensterläden einen Spaltbreit. Sie zitterte in ihrem dünnen Hemd, denn die Kälte strömte sofort herein. Die Fenster der vornehmen Patrizierhäuser hatten zusätzlich Glasscheiben, doch die weniger Betuchten mussten sich mit hölzernen Klappläden zufrieden geben.
Der Hof war mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Auf dem Hexentanzplatz hatte es nicht geschneit. Also war es doch ein Traum gewesen…
Schnell zog sie ihr Leibchen über das Hemd und schnürte es zu, stieg in ihren Rock und setzte das Häubchen auf.
Tante Hanna stand vor dem Kamin und fachte mit dem Blasebalg die Glut an. Ihr Gesicht war krebsrot vor Anstrengung.
»Das Feuer brennt gleich«, sagte sie. »Dann können wir das Eis auftauen.«
»Ist das Wasser schon wieder gefroren?« Nina verzog das Gesicht.
»Ja, der Eimer ist mit einem Knall auf dem Eis aufgeschlagen, als ich Wasser schöpfen wollte. Ich musste die Eisschicht aufhacken.« Tante Hanna hielt beide Hände vor den Mund, um sie mit ihrem Atem zu wärmen. »Wenn wir den Winter bloß schon hinter uns hätten.« Sie seufzte.
Nina kauerte sich vor den Kamin und streckte die Arme aus. Die Hitze schlug ihr entgegen, ihre Hände fingen an zu kribbeln. Gebannt starrte sie in das Feuer. Plötzlich erschrak sie so heftig, dass es ihr einen Ruck versetzte. Ganz deutlich sah sie in den Flammen vor sich ein Gesicht tanzen. Ein bekanntes, liebevolles Gesicht. Dann verschwand es wieder.
»Tante Hanna!«, rief Nina. »Ich habe sie gesehen.«